Politikunterricht mit Jon Stewart: Das Mindset des US-Konservatismus und die Homo-Ehe zwischen Markt und Moral
Neulich trat Bill O’Reilly bei Jon Stewart in der Daily Show an, bezeichnete sich als “Anarchisten” und lehnte doch vehement die gleichgeschlechtliche Ehe ab, was natürlich erstmal widersprüchlich klingt. Drüben bei I Heart Digital Life hat Kathrin Ganz das ganz (no pun intended) interessant kommentiert:
Trotz offensichtlicher Widersprüche verbinden sich fortschrittsgläubiger Neoliberalismus und bewahrender Konservativismus in den Köpfen Vieler zu einem Konglomerat der Weltanschauung. Ein schillerndes Beispiel dafür ist Bill O’Reilly [...] Wäre O’Reilly einfach nur ein extremer Liberaler, gäbe es vielleicht überhaupt keine ethischen Grenzen mehr. Warum nicht Sexualität nur noch über den Markt organisieren? Das funktioniert doch sonst so gut …
Diesen “offensichtliche Widerspruch”, den O’Reilly selbst womöglich gar nicht wahr nimmt, habe ich im Umgang mit amerikanischen Konservativen auch ähnlich empfunden und bisher selbst keine wirklich plausible Erklärung gehört. Wenn (in Abgrenzung zur verhassten Regierungsbürokratie) der Markt das überlegene ordnungsstiftende Organ ist, wieso kann nicht auch die Ehe über Angebot und Nachfrage geregelt werden? Schwule und Lesben wollen heiraten? Sollen sie heiraten! Es schadet schließlich niemandem (und hat damit eine andere moralische Qualität als der Schwangerschaftsabbruch, das andere thematische Steckenpferd der christlichen Rechten in den USA).
Mittels der Kommentarfunktion mutmaßte ich dazu spontan bei Kathrin:
Letzlich werden in beiden Fällen (bei Abtreibung und Homo-Ehe) aber wohl eher politisch/empirische Erwägungen eine Rolle spielen als ideologisch/normative. Das ist wohl eher eine Frage der mobilisierbaren Mehrheiten als der reinen Lehre.
An diesem Punkt würde ich auch weiterhin festhalten. Dennoch reicht das nicht aus, um zu verstehen, wieso die Sozialkonservativen so denken, wie sie denken, bzw., wie sie überhaupt denken.
Doch jetzt kommt Jon Stewart wieder ins Spiel, um uns in seiner Doppelfunktion als Satiriker und politischer Journalist die Welt des US-Konservatismus ein wenig einsichtiger zu machen. Am Dienstag hatte er in seiner Sendung Mike Huckabee zu Gast, der frühere Gouverneur von Arkansas und hartnäckiger McCain-Gegner in den republikanischen Präsidentschaftsvorwahlen. Der streitet mit Jon Stewart nun in einem großartigen Interview, das uns allen, die wir uns an politischem Journalismus versuchen, ein Beispiel seien sollte. Wieder geht es um die Homo-Ehe und ich muss euch alle bitten, diesen Link zu klicken, und die Folge direkt auf der Website von Comedy Central zu sehen, weil mir seit dem letzten Relaunch von WordPress das Embedden von Videos, die nicht von YouTube stammen, nicht mehr gelingt (immer diese Technikprobleme!).
Stewart und Huckabee geraten darüber aneinander, wieso gleichgeschlechtlichen Partnern die Ehe verwehrt bleiben solle, wo doch, wie Stewart argumentiert, Ehe ein soziales Konstrukt und als solches schon ewig politischen Kämpfen und Neudefinitionen ausgeliefert gewesen sei. Der springende Punkt in Huckabees Argumentation ist, dass Homosexualität eine “lifestyle choice” sei und das Verbot der homosexuelle Ehe sei damit eher vergleichbar mit dem Verbot der Polygamie, als mit dem (in vielen Staaten der USA einst gültigen) Verbot der Ehe zwischen Weißen und Schwarzen.
Man ist demnach nicht schwul, sondern entscheidet sich, sich schwul zu verhalten (dieser Logik entspringt auch der Versuch, Schwule und Lesben zu “heilen”, Stichwort “gayhab”). Wenn man ein von der heterosexuellen, monogamen Beziehung abweichendes Verhalten in die Ehewürdigkeit erheben würde, müsste man alle von der heterosexuellen, monogamen Beziehung abweichenden Verhalten (Polygamie, zum Beispiel) entsprechend aufwerten, argumentiert Huckabee.
Das löst immer noch nicht den Konflikt zwischen Markt und Moral (man könnte, via Angebot und Nachfrage argumentierend, ja auch fragen, was eigentlich das Problem an der Polygamie ist, solange ausschließlich Erwachsene sich daran einvernehmlich beteiligen). Aber es schafft doch ein bisschen mehr Klarheit in punkto der US-konservativen Wahrnehmung von Homosexualität.
“Love the sinner, hate the sin”, sozusagen.
[Changelog] “Partnerschaft” durch “Ehe” ersetzt, “Vorbild” durch “Beispiel”.
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2 Antworten
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[...] Ehe Kitsch, na klar. Aber gut argumentiert. Via Feministing, wo es auch einen interessanten Text über die Frage gibt, welche Verpflichtungen “Vertreter_innen” von Minderheiten in den Medien gegenüber ihrer Minderheit haben: Jon Stewart, Rachel Maddow, and media privilege. Und Oskar Piegsa hat zu Stewart und Huckabee auch noch etwas geschrieben. [...]
[...] always great edutainment when Jon Stewart and Bill O’Reilly meet. However, even better than the two [...]