Ein schlecht sortiertes CD-Regal bei Woolworth erklärt uns die Welt…
…dieses Mal: den wirtschaftlichen Paradigmenwechsel in der Unterhaltungsindustie.

Abb. 1: Das schlecht sortierte CD-Regal bei Woolworth.
Auf Position 2 des Single-Charts-Regals in der Woolworth-Filiale Lister Meile in Hannover steht die Nirvana-CD “In Utero”. Auf den ersten Blick ist daran alles falsch. Erstens ist “In Utero” keine Single, sondern ein Album. Zweitens erreichte es in Deutschland gerade mal Platz 13 in den Charts. Und drittens ist das auch schon 15 Jahre her und Kurt Cobain, der Sänger der Band, seit fast ebenso vielen Jahren tot und Nirvana aufgelöst.
Auf den zweiten Blick aber: wie großartig! Hier erklärt jemand mit einfachen Mitteln den Paradigmenwechsel in der Musikindustrie. Waren es vor einiger Zeit noch einzelne Hit-Singles, die genug Geld einspielen mussten, um die Industrie am Leben zu halten, hat sich das spätestens seit Napster, CD-Brennern und dem endgültigen Ausverkauf des Starprinzips in den 90er Jahren geändert. Dabei ermöglichen die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation und Reproduktion ein neues Geschäftsmodell, für das Chris Anderson ein Wort gefunden hat: den Long Tail.
/// Nach dem Seitenumbruch: Brutal vereinfacht gesagt geht das so:
Heute kann oft nicht mehr ein Buch-Bestseller, oder eine Hit-Single genug Geld für sieben gefloppte Longplayer oder langweilige Romane einspielen. Deshalb ist das Geschäftsmodell der Stunde nicht mehr der Bestseller, sondern das quasi unerschöpfliche Archiv. Das Archiv, in dem alle Nischen abgedeckt und alle Spezialinteressen bedient werden. Zum Beispiel: Amazon lagert, irgendwo, wo die Immobilienpreise niedrig sind, xtausend Bücher und CDs. Das Archiv ist im Internet einsehbar, die Post übernimmt den Vertrieb.
Statt alle mit Harry Potter oder Feuchtgebiete abspeisen zu müssen (so wie der Buchladen um die Ecke, der nur in seinem Lager hat, was gerade am meisten nachgefragt wird), kaufen die einen dort ihre Abhandlungen über mittelalterliche Raumfahrtkonzepte, die anderen ihr Kochbuch über mikronesische Wildgerichte und die dritten einen auf klingonisch verfassten Liebesroman in dem sich eine Süßwasserqualle und ein Gelbbauchmurmeltier näher kommen. Jeder liest nur das, was er will.
Trotzdem brummt das Geschäft. Ein noch besseres Beispiel ist iTunes, dass sich noch nichtmal ein zentrales Lager oder teuren Postversand leisten muss, weil seine xmillionen MP3s zum Download auf irgendwelchen Servern liegen.
Und genauso funktioniert, im kleinen, auch das schlechtsortierte CD-Regal in der Woolworth-Filiale an der Lister Meile in Hannover. Statt alle mit “I kissed a girl” (oder was sich gerade auf Platz 2 der Single-Charts befindet) abzuspeisen gibt es da, wenn man nach “In Utero” noch ein bisschen weiterblättert: Mozart und Woodstock und Santana und Tschaikowski, für jeden etwas…

Abb. 2: …weitergeblättert…

Abb. 3: …weitergeblättert…

Abb. 4: …weitergeblättert…

Abb. 5: …weitergeblättert…

Abb. 6: (…)
Weiterlesen: Hier eine knappe Einführung zum “Long Tail”, hier Chris Andersons Blog.
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