Hefte raus, Jugendkulturdiskurs! Was bedeuten Hipster und Emos?

Abb. 1: Würden Sie diesen Jugendlichen die Revolution anvertrauen? Auf dem Melt!-Festival 2006.
Mehrere Publikationen haben sich in diesem Monat mit Jugendkulturen und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung beschäftigt (das Sommerlochthema in der Kultur-Berichterstattung?). Das De:Bug Magazin titelt aktuell “Jugendkultur 2008: Generations-Konflikt Adé”, die Wochenzeitung Jungle World widmet sich in einem Dossier dem “Emo” und das Cover des amerikanischen Monatsmagazin Adbusters verweist auf eine Reportage aus der “Hipster”-Szene.
Machen wir’s kurz: Martin Büssers Verteidigung der “Emos” in Jungle World ist sehr interessant. Douglas Haddows Totalveriss der “Hipster” in Adbusters ist sehr scheiße.
Fangen wir mal mit Herrn Büsser an. Der wundert sich über die breite Opposition, die den sogenannten Emos entgegengebracht wird. Gemeint sind die dünnen, androgynen, kränklich und depressiv wirkenden Teenies, denen man zur Zeit in Großstädten und auf Tokio-Hotel-Konzerten nicht entkommen kann; die dieses Jahr in Mexiko verprügelt wurden und zuletzt in Russland nach Forderungen eines von Büsser benannten Parlamentarieres staatlich verboten werden sollten. Büsser sieht in den Emos die ideologische Fortsetzung früherer Jugendkulturen:
Abgesehen von den (…) Poppern, zeichneten sich Jugendbewegungen (…) dadurch aus, dass sie sich dem kapitalistischen Diktat, funktionieren zu müssen, also gesellschaftlich anerkannte Leistung zu erbringen, zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten verweigert haben. Insofern sind die Emos ein scheuer, aber wirkungsvoller Widerhall dieses alten Verständnisses von Jugend- und Subkultur.
Angesichts dieser ideologischen Kontinuität überrascht es, dass Emos von allen gehasst werden. Dass das so ist, liegt laut Büsser nicht an den Emos selbst, sondern an allen anderen –- an einem ideologischen Strukturwandel in der restlichen Jugendkultur:
Coolness wird nicht mehr mit Verweigerung, sondern mit Disziplinierung, Durchsetzungsvermögen und Leistungsbereitschaft gleichgesetzt. Und das nicht zuletzt in Folge zweier Jahrzehnte HipHop-Battles, die von Pädagogen und Institutionen wie der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert werden.
Dazu komme in den Nicht-Emo-Subkulturen ein Selbstbild von “authentischer”, hetero-männlicher Härte, dem das Passive und Androgyne der Emos widerstrebe (Sonja Eismann schreibt, ebenfalls in der Jungle World, dass Mädchen von der Emo-Kultur übrigens keine Interessanten Identitätsangebote gemacht werden würden). Büsser schreibt vom “zutiefst reaktionären Szene-Selbstverständnis vieler HipHopper oder Punks”. Nicht schlecht: Herr Büsser führt seinen Denkanstoß formvollendet mit der Faust aus.
Auf der anderen Seite: Homophobie und reaktionäre Männlichkeitsbilder sind in Jugendkulturen doch nichts Neues. Ein Kollege hat neulich mal Beispiele im HipHop, Punk und Metal gesammelt, da gibt es genug – und bestimmt auch bei den Rockern und Halbstarken. Das entschuldigt nicht den Hass auf die Emos. Aber immun gegen reaktionäre Denkmuster waren Jugendkulturen wohl noch nie.
Außerdem sind z.B. Punk und HipHop in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten enstanden und haben wohl auch deshalb unterschiedliche Werte-Systeme entwickelt. Ging es nicht bei dem ersteren immer um Verweigerung, bei zweiterem aber immer mehr um kreative und körperliche Leistung (jetzt mal unabhängig davon, ob sie in Props oder Platin-Platten vergütet wird)?
Büsser unterstellt, die Popper seien die ersten Jugendkultur-Jugendlichen gewesen, die sich dem “Funktionierenmüssen” als Diktat der kapitalistischen Gesellschaft nicht verweigerten (übrigens: ist das nicht ein Diktat jeder Gesellschaft?). Aber was ist z.B. mit den Mods –- ging es bei denen nicht um das Ausbrechen aus der Arbeiterklasse, um das Tragen von auch nach Mehrheitsmeinung schicker Klamotten und um den Konsum Leistungs- (im Sinne von: Durchhaltevermögen) steigender Drogen?
Zugegeben: alles Halbwissen. Grundsätzlich überzeugend finde ich bei Büsser den Ansatz, die spezifische Jugendkultur nicht isoliert zu betrachten, sondern nach größeren, gesellschaftlichen Trends zu schauen. Die Thesen zum Emo-Hass scheinen plausibel.

Abb. 2: Oder diesen? In der eher unszenige Bar “Dancing Crab” in Washington DC, ca. Frühjahr 2008.
Anders bei Douglas Haddow. Der schreibt über die Hipster in der Rhetorik eines Autoren, der seine eigene Jugendkulturvergangenheit hinter sich gelassen hat und die Gegenwart an seiner idealisierten Erinnerung misst. (Einen guten ersten Eindruck vom Hipstertum bekommt man zum Beispiel hier und hier.)
Hipsterdom is the first “counterculture” to be born under the advertising industry’s microscope (…) Less a subculture, the hipster is a consumer group – using their capital to purchase empty authenticity and rebellion. But the moment a trend, band, sound, style or feeling gains too much exposure, it is suddenly looked upon with disdain. Hipsters cannot afford to maintain any cultural loyalties or affiliations for fear they will lose relevance.
Während Büsser die politische Qualität von Jugendkulturen in einer eher symbolischen Verweigerung gegenüber gesellschaftlichen Werten und Zwängen versteht, wirft Haddow in einer Szene seiner Reportage den Hipstern allen Ernstes vor, dass sie auf einer Baustelle luxeriöser Eigentumswohnungen nicht damit beginnen, Steine gegen die Häuser zu werfen und so die Gentrifizierung bekämpfen, anstatt als werdende Besserverdiener später von ihr zu profitieren — ganz so als ob diesem Handeln irgendeine Logik innewohnen würde und als ob Steine das richtige Mittel zur Bekämpfung stadtplanerischer Entwicklungen wären.
Haddow fährt fort:
The American Apparel V-neck shirt, Pabst Blue Ribbon beer and Parliament cigarettes are symbols and icons of working or revolutionary classes that have been appropriated by hipsterdom and drained of meaning. (…) , such things have become shameless clichés of a class of individuals that seek to escape their own wealth and privilege by immersing themselves in the aesthetic of the working class.
Herzlich willkommen zum reality check! Das mit dem T-Shirt kann man fast wörtlich auch James Dean vorwerfen, an dessen Körper die proletarische Unterwäsche zum kommerziellen Trend wurde. Dean selbst verkörperte derart gekleidet auch nicht die Hoffnung des Klassenkampfes, sondern den “Rebel Without A Cause”. Über ein halbes Jahrhundert ist das jetzt her. Und kann man nicht auch über die “68er”, die “väterlose Generation” in ihrem universitären Milieu schreiben, sie sei “a class of individuals that seek to escape their own wealth and privilege by immersing themselves in the aesthetic of the working class”?
Vielleicht ist die Auflehnung gegen die eigenen familiären Hintergründe und den eigenen Wohlstand die Motivation schlechthin, um in Subkulturen alternative Identitätsentwürfe zu erproben. Sowohl die Aneignung bestimmter Symbole, als auch die Motivation zu aller erst gegen die eigene Herkunft zu rebellieren tragen jedenfalls nicht als Kritik zeitgenössischer Jugendkulturen, wenn gleichzeitig die Jugendkulturen der Vergangenheit, die sich hier bisweilen ganz ähnlich verhielten, außen vor gelassen werden. Und überhaupt: was soll da so falsch dran sein?
Was mich überhaupt nervt: “die Jugend” (was auch immer das in seiner unterstellten Homogenität ist), nach dem Scheitern der Arbeiterklasse im irgendwie marxistischen Sinne als nächstes revolutionäres Subjekt in Stellung bringen zu wollen.
Immerhin: Mindestens einmal war die “revolutionäre Jugend” nicht bloß ein Mythos oder eine modische Behauptung — zur Chinesischen Kulturrevolution der 60er Jahre, als ein jugendlicher Mob über China rollte und Tod und Zerstörung mit sich brachte. Dass heute darüber von Jugendkulturtheoretikern nicht so gerne geredet wird, liegt vielleicht daran, dass diese Jugendbewegung vom “Großen Vorsitzenden” Mao angeleitet und damit top-down anstatt anti-autoritär war. Oder daran, dass sie mangels spezifischer Musik und Mode irgendwie zu unsubkulturell war. Oder daran (meine Vermutung), dass dieses Beispiel Gefahr läuft, zu entlarven, was für eine blöde Idee es ist, die Zukunft einer Gesellschaft den 17-Jährigen überantworten zu wollen.
Dass Jugendliche eine undankbare Zielgruppe sind (fragen Sie die Damen und Herren in der Musikindustrie oder werfen sie einen Blick auf den Zeitschriftenmarkt) heißt außerdem noch lange nicht, dass sie anti-kapitalistisch eingestellt sind. Dass sie schnell mal keinen Bock mehr haben bedeutet nicht, dass sie irgendeine Form von Gesellschaftskritik zu formulieren im Stande wären, mit der es sich zu beschäftigen lohnen würde (außer aus pädagogischen Gründen).
Das alles heißt nicht, dass junge Gruppen mit einem geteiltem Identitätsentwurf (Punker, Hipster, Emos…) sich nicht den herrschenden sozialen Werten und Konventionen entziehen und entscheidende Impulse für gesellschaftlichen Wandel geben könnten. Es heißt aber auch nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmen würde, wenn sie es nicht täten.
Haddow stilisiert die Vergangenheit und verlangt von “der Jugend” zu viel. Das ist, ironischerweise, ziemlich konservativ. Und passt zu seiner Überschrift “The Dead End of Western Civilization”. Dass man nicht mal ebenso das Ende der Geschichte ausrufen kann, sollte Haddow eigentlich noch von den neokonservativen Gedankenspielen Francis Fukuyamas behalten haben.

Abb. 3: Noch mehr Jugendliche. Auf einer privaten College-Party in Washington DC, ca. Herbst 2007.
Ausgerechnet jetzt über den Stand der Jugend in den Wohlstandsgesellschaften diskutieren zu wollen ist dabei eigentlich eine gute Idee. In Deutschland lässt sich nach dem Abflauen des Jugendgewaltdiskurses über die Übergriffe von München vielleicht differenziert diskutieren. In Amerika lohnt es sich zu überlegen, ob die Einspeisung vieler Jugendlichen in den politischen Prozess durch Barack Obama usw. eine nachhaltige Entwicklung ist.
Außerdem: Welchen Einfluss hat die anderswo immer wieder angesprochene Verweigerung der Alten, die von den Insignien ihrer Jugendkulturen nicht lassen wollen? (Stichwort “Jugendwahn”. Die De:Bug hatte in der Juli/August-Ausgabe 2008 ein paar interessante Texte zu was auch sie als “Das Ende der Jugendkultur” bezeichnete: möglicherweise sind die Jungen die neuen Alten, wo die Alten doch immer noch die Jungen sind). Und: Was bedeuten Globalisierung und digitale Revolution für die Jugendkulturen (zwei Fragen, mit denen sich im vergangenen Jahr die Spex beschäftigt hat).
Auf jeden Fall muss weitergemacht werden. Bitte reißen Sie darum meine Überlegungen gerne in Stücke.
PS: Alle Fotos habe ich mit alten, analogen Kameras aufgenommen. Douglas Haddow schreibt, Hipster machen das so. Der Text ist ja schon Emo genug.
Douglas haddow wurde durch dov charney gezahlt
hm, das wäre ein motiv.
Sehr gute Beobachtungen. Die adbusters sind (wie man auch im Buch “Culture Jamming – Die Rückeroberung der Zeichen” von Kalle Lasn wunderbar feststellen kann) ideologisch in einer Sackgasse angekommen. Die Fokussierung auf Werbung und die vorgebliche All-Macht des Fernsehens sind alte Hüte, die vom adbusters-magazine immer wieder gerne aufgewärmt werden. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass hier eine Ideologie nicht aktualisiert wird, sondern aktuelle Entwicklungen immer wieder so verbogen werden, dass sie sich einer veralteten Ideologie anpassen. Dann verkommt so eine gute Idee, die adbusting einmal war, zu einem Substiturat, dass noch nicht mal mehr die Symptome wirksam bekämpft anstatt gegen die Ursache zu arbeiten
Anders verhält es sich bei den Emos. Hier sind wirklich gute Anregungen vorhanden. Das Neoliberalismus nicht mehr eine rein wirtschaftliche Ideologie ist, sondern vermehrt als Lebensform übernommen wird, kann man inzwischen überall sehen, wenn man will. Ich denke, dass Emos eine starke Subversion zu dieser Entwicklung sind und ihre extreme Verweigerung eine schallende Ohrfeige in das Gesicht des freien Marktes ist. Das erklärt wahrscheinlich auch den extremen Hass, der Emos entgegenschlägt.
danke für deine anmerkungen, stefan! aber: “schallende ohrfeige in das gesicht des freien marktes” — meinste echt? emos konsumieren doch auch (und vermutlich auch: sehr gerne. wenn’s um make-up geht. oder nasenringe. oder cds. oder und so weiter).
Zu Büssers These vom Trend zu Selbstdisziplinierung und Leistungsbereitschaft in der Jugendkultur könnte man auch noch ergänzen, was hier noch gar nicht genug zur Sprache kam: das Netz. Schwerwiegender als BPB-gesponsorte HipHop-Battles ist vielleicht der Boom der sozialen Netzwerke als permanente Selbstvermarktungsfläche und die ständige Erreichbarkeit bzw. das Erreichbar- und Ansprechbarseinmüssen, dass einem dieser Tage abverlangt wird. Frau Bunz hat zu den Sozialen Netzwerken sehr lesenswert in “Sozial 2.0: Herr, Knecht, Feind, Freund” geschrieben.
[...] freundlichen Grüßen an Douglas “Oh mein Gott, sie haben unsere Zeichen geklaut!” Haddow « Und ich dachte wir wären Freunde [...]
[...] Emobama. Oder: es sind so viele und sie kommen von überall… Veröffentlicht in amerika, politik, popkultur by oskar piegsa am August 26th, 2008 …sie kommen von überall angewuselt, und hören einfach nicht auf: die Emo-Nachrichten. Das hier muss ich drigend posten, denn: wiederlegt es Martin Büssers Thesen zur Emo-APO? [...]
[...] in medien, popkultur by oskar piegsa am September 3rd, 2008 Was Jens Jessen (oder Douglas Haddow unter dem Pseudonym Jens Jessen?) neulich in der ZEIT schrieb, werde ich hier auch weiterhin nicht [...]
An Adbusters nervt auch, aktuell zu Gaza wieder, ihr oldskool linker Anti-Imperialismus, der ein sehr unproblematisches Verhältnis zu Hamas et. al. und ein sehr unkompliziertes zu Israel pflegt (nämlich dass des Besatzers und Aggressors).
[...] Anti-Intellektualismus mit einschließt. Den ganzen Essay von Büsser gibt’s hier, ich habe hier schon mal ein paar Zeilen dazu [...]