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100 Seiten Spiegel: Medienkanzlerin Merkel und unklare Kritik an Freedom House

Posted in amerika, medien, politik by oskar on 22. Juni 2008

Abb.: Der Spiegel, Ausgabe 25/2008. Und: der Kaufgrund.

Sie haben es wieder geschafft: Ich habe mir den Spiegel gekauft, Ausgabe 25, am letzten möglichen Tag, bevor morgen die Nummer 26 an den Kiosk kommt. Ich konnte dem Lockruf der beiliegenden DVD nicht wiederstehen. “Kauf mich”, hörte ich es säuseln, “ich enthalte eine interessante Dokumentation über den Kalten Krieg!” Ob es sich gelohnt hat, der Verführung zu erliegen – mehr dazu später an dieser Stelle, wenn die Scheibe den Weg in meinen DVD-Player gefunden hat.

Bis es soweit ist, habe ich angefangen, durch das Heft zu blättern. Auf Seite 96 überwältig mich das Gefühl, kommentieren zu müssen. Zwei Texte auf den ersten ca. 100 Seiten des Heftes sind mir besonders aufgefallen.

Erstens: Christoph Schwennicke hat einen Artikel über Angela Merkels Image-Politik geschrieben, ein Thema über das ich noch nicht viel gelesen habe (”Det is keen Bild hier!”, Seite 30ff). Gut ist das Thema auf jeden Fall: Man erinnere sich nur an den G8-Gipfel in Heiligendamm im vergangenen Jahr, als Angela Merkel sich als Klimakanzlerin inszenierte – etwas, das mir wohl allein deshalb nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen wird, weil die dort entstandenen Fotos sieben männliche Staatschefs in dunklen Anzügen zeigen, und mittendrin eine Frau mit leuchtend grüner Jacke. Eines dieser Foto wird auch in Schwennickes Artikel noch einmal abgedruckt.

Die These des Autors:

[Gerhard Schröder] war der Medienkanzler. Dann kam Angela Merkel, und alle Welt glaubte, sie sei der Gegenentwurf zu Schröder. Doch inzwischen inszeniert sich Merkel sogar noch stärker als Gerhard Schröder. Nicht so offen, gerade dadurch aber noch effektiver. [...] Sie ist Medienkanzlerin, ohne so genannt zu werden. Heimliche Medienkanzlerin.

Ich finde das sehr interessant. Wenn ich mich richtige erinnere, waren im Wahlkampf zur vorgezogenen Bundestagswahl von 2005 abfällige Bemerkungen über Merkels Äußeres noch recht verbreitet. Unabhängig von der damit verbundenen größeren Problematik der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in öffentlichen Positionen ist es doch bemerkenswert, dass keine drei Jahre vergangenen sind, seit die Satire-Partei Die Partei “Stoppt das Merkel” forderte. Die damit (und anderswo) thematisierte asexuell/androgyne Aura der Kanzlerkandidatin scheint heute überwunden. Schwennicke schreibt:

Fotografen staunen seit einiger Zeit über ihr Motiv. Früher reagierte Merkel allergisch auf die Leute mit den langen Objektiven.

In diesem Zusammenhang auch interessant: Ein Blick auf Merkels Wikipedia-Eintrag. Dort nimmt ihre Biographie von 1954 – 2005 zwar mehr als die Hälfte des Gesamteintrags in Anspruch – trotzdem sind keine Fotos aus der Zeit vor 2006 zu sehen. In der Washington Post wurde im vergangenen September ein Artikel darüber veröffentlicht, wie Anhänger der verschiedenen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in den Diskussionsforen der englischsprachigen Wikipedia darum ringen, welche Darstellung der Kandidaten die richtige ist. Ich habe das Archiv der Diskussion zu Angela Merkels Wikipedia-Eintrag nicht durchgearbeitet und nehme eher an, dass die Bildrechte zu älteren Fotos einfach schwieriger zu kriegen sind, als dass dort von Anhängern oder Mitarbeitern Merkels aus imagepolitischen Gründen interveniert wurde. Der Effekt, dass keine älteren Bilder zu sehen sind, wird in jedem Fall Merkels Interessen entsprechen.

Schwennickes Artikel im Spiegel ist geschrieben wie ein Blog-Eintrag, d.h., der Autor stützt sich im wesentlichen auf die eigene Erfahrung, hält seine Meinung nicht hinterm Berg und benutzt anonyme Quellen, über deren Verwendung man streiten kann. Und das hier ist natürlich beim besten Willen kein “Rap-Song”. (Aber: man sieht Merkel in asexuell/androgyn!). Aber:

Der Artikel ist ein guter Einstieg in eine ausführlichere Auseinandersetzung mit Angela Merkel, der Medienkanzlerin – eine Beschäftigung, die sinnvoll ist, auch vor dem Hintergrund des (im doppelten Sinne) Fall von Kurt Beck, der andeutet, dass es eine/n Nicht-Medienkanzler/in auf absehbare Zeit wohl nicht mehr geben wird (falls es soetwas jemals gab). Hoffentlich liest man da demnächst noch mehr zu.

Nicht ganz so gut runter ging ein Doppelseiter über die amerikanische Organisation Freedom House (”Die Firma Freiheit”, S. 96f.) Meine Probleme damit beginnen bei der Überschrift.

“Die Firma Freiheit”, heißt der Text. Und das verstehe ich nicht. Firmen dienen meinem Verständnis nach dem Erwirtschaften finanzieller Gewinne. Freedom House, so erfahren wir aus dem Text, ist dagegen eine Stiftung, die zu 80% aus amerikanischen Steuergeldern finanziert wird. Ihre Aufgabe ist die Vebreitung von Freiheit – ein wirtschaftliches Verlustgeschäft. Trotzdem wird das Motiv der “Firma” später im Text noch einmal aufgegriffen, wenn Freedom House etwas despiktierlich “Laden” genannt wird. Dass der Text dann nicht “Die Freiheitsfirma” betitelt wird, was ja immer noch inhaltlich falsch wäre, sondern “Die Firma Freiheit”, wirkt auf mich so, als schwinge da die gegenüber der amerikanischen Regierung öfter geäußerte vage Unterstellung mit, Freiheit werde als ein Geschäft betrieben, bzw. genauer: der Deckmantel der Freiheitsförderung werde herangezogen, um das Durchdrücken wirtschaftlicher Interessen zu verschleiern. Guter Journalismus sollte solche Klischees auf die Probe stellen, anstatt vage auf sie anzuspielen. Vielleicht entgeht mir aber auch, was hier vom Autor gemeint ist. Mein Problem: dieses Gefühl wird mich für den Rest des Textes nicht mehr verlassen.

Weiter geht es zum Beispiel im ersten Absatz des Artikels:

Es ist eine dieser großen amerikanischen Ideen, und sie hat Zauber, weil am Ende die gute Welt steht. Eine Welt freier Bürger wird es sein, eine Welt, in der Menschenrechte etwas zählen, weil frei gewählte Regierungen darauf achten, dass alle frei sind: Zeitungen und Minderheiten, Parteien, sogar gegnerische.

Ich bin mir nicht so sicher: Klingt das spöttelnd? Vielleicht bin ich auch zu sensibel, denn grundsätzlich stimmt es ja: in Amerika hat man immer mal wieder große Ideen, in denen es um die gute Welt geht (nicht zuletzt, als bestes historisches Beispiel, die Idee der eigenen Existenz). Und wenn ich von freien Bürgern, verbindlichen Menschenrechten, Demokratie, Minderheitenschutz und freien Medien lese, dann kann ich nicht anders, als sagen: gut, dass jemand diese Ideen hat! Und: je mehr, desto besser. Go Freedom House!

(In Deutschland hat man ja auch manchmal große Ideen, seit ein paar Jahrzehnten auch solche, bei denen “am Ende die gute Welt steht”, siehe z.B. Medienkanzlerin/Klimakanzlerin Merkel.)

Mich beschlich beim Lesen dann aber immer wieder das Gefühl, es sei spöttelnd gemeint, wenn von “Welt verbessern” die Rede ist. Das passt auch zu der wiederholten Unterstellung, Freedom House arbeite mit einer binären Weltsicht, die nur Demokratien und Diktaturen (später im Text auch: “die Guten und die Bösen”) kenne. Damit widerspricht der Artikel sich selbst, wenn er erwähnt, wo Freedom House bisher aktiv wurde, unter anderem nämlich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, im kommunistischen Polen und “in den vergangenen Jahren” auch in der Ukraine. Ähnlich ungenau formuliert geht es weiter, wenn der Autor von “wackligen Staaten” schreibt und damit die USA der 1950er (solides demokratisches System, erhebliche regionale Problem mit Wählerbeteiligung und Rassismus) genauso meint wie das Polen der 1980er (undemokratisches System, auf dem Weg zur erheblichen Besserung).

Mehr Unklarheiten folgen, einander sich sanft steigernd übertreffend, dann wieder abnehmend, schließlich mit einem Zitat endend, dass die amerikanische Außenpolitik kritisiert. Zur These zugespitzt findet sich die vage, amerika-kritische Tendenz schon in der Unterzeile:

In Amerika sitzt die Stiftung Freedom House, die Demokratie in aller Welt verbreiten soll. Ihr größtes Problem: Amerika.

Das ist mir in seiner Schärfe genauso unverständlich wie die Überschrift – wie genau ist “Amerika” das größte Problem einer amerikanischen Firma (mit amerikanischen Mitarbeitern und einem amerikanischen Firmensitz), die von der amerikanischen Regierung finanziert wird um eine amerikanische Idee zu vertreten?

Bei mir als Leser ist der bleibende Eindruck: der Text leidet unter den unsauberen Formulierungen, was schade ist, denn die vorgestellte Organisation ist spannend. Eine Einschätzung und Problematisierung ihrer Arbeit geht im Quark des allgemeinen “irgendwie Amerikankritischseins” unter.

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